Als im Jahre 1837 dieselbe Neuigkeit an zwei weit voneinander entfernt liegenden Orten nahezu zeitgleich bekannt wurde, war das Zeitalter der schnellen Informationsübermittlung angebrochen. Die elektrische Telegraphie veränderte das bisher starre Raum- Zeitgefüge auf einen Bruchteil des bisher Gewohnten. Weite Distanzen können in immer kürzer werdender Zeit überwunden werden. Bis ins 19. Jhdt. hinein haben keine Erfindungen unseren Fortschritt derart beschleunigt, wie die der Dampfmaschine und der Elektrizität. Die Kutsche des Aristoteles war nur unwesentlich langsamer als 2000 Jahre später die Kutsche Beethovens, die Fregatten Lord Nelsons nicht viel schneller als die Segelboote der Phönizier. Die Kraft des Pferdes und die Stärke des Windes blieben für Jahrtausende unser Maß der Geschwindigkeit.

Früher veränderten sich die politischen, technologischen und gesellschaftlichen Verhältnisse relativ langsam, für die Menschen weitestgehend nachvollziehbar. Hierarchische Gesellschaftsstrukturen, starre Wertesysteme, ein für die meisten Menschen kärgliches Leben und sicherlich auch der Mangel an Bildung gaben dennoch inneren Halt und Sicherheit, ihr gesellschaftlicher Status war eindeutig positioniert. Wir Menschen kannten unsere Aufgaben, unseren Verantwortungsbereich, unterschieden klar zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse. Auch die Sehnsucht nach ausgleichender Gerechtigkeit, das Wissen um die eigene Sterblichkeit und die Hoffnung auf ein Weiterleben der Seele war durch die Religion weitestgehend abgedeckt.

Und heute? Ein Transatlantikflug dauert nur noch wenige Stunden, der Freund in Australien ist in wenigen Sekunden telefonisch zu erreichen, das Internet lässt den schon kleiner gewordenen Raum zwischen zwei Ereignissen auf ein Mindestmaß schrumpfen. Vor 100 Jahren vergingen zwischen einer Erfindung und ihrer Serienfertigung noch Jahre, heute nur mehr wenige Stunden. Kaum haben wir uns an das neue Handy gewöhnt, schon ist ein neues, schöneres, viel leistungsfähigeres auf dem Markt. Der technologische Fortschritt ist allgegenwärtig, scheinbar unaufhaltsam, verselbstständigt sich, getrieben durch den Konkurrenzdruck der freien Marktwirtschaft. Und alles muss schnell geschehen. Die Zeiteinheit wird zur Nutzen stiftenden Einheit quantifiziert, die dadurch immer zu kurz ist - time is money.

Die rasante Zunahme des technologischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Entwicklung sowie der oftmals hinterherlaufende politischen Versuch diesen Prozessen die geeigneten Rahmenbedingungen zu sichern, lässt den menschlichen Geist in ungeahnte Höhen fliegen. In unserem Zeitalter des politischen Liberalismus, des gesellschaftlichen Spiels freier Kräfte, ist selbst das Konstante nur relativ. Antworten haben im jeweiligen kulturellen Bezugssystem nur temporäre Gültigkeit; Objektivität wird zur intersubjektiven Realität, die sinnstiftenden Anbieter religiöser Heilslehren boomen, nix is fix. Das Beständige ist der Wandel, aufgehoben im Kreislauf der Veränderung.

Können wir Menschen mit dem Tempo unserer geistigen Errungenschaften mithalten? Offensichtlich nicht. Laut einer Studie der WHO sind mehr als 50% aller Krankheiten der sogenannten 1. Welt auf zu große seelische und emotionale Herausforderungen im Berufs- Arbeitsalltag zurückzuführen. Stress ist die Zivilisationskrankheit Nummer 1 geworden.
Wen wundert es? Die Herausforderungen unsere Zeit an den Menschen sind aüßerst vielfältige: Hohe Flexibilität, oftmaliger Arbeitsplatzwechsel, Teamfähigkeit, ständige Weiterbildungsbereitschaft, das Maß an Eigen-Verantwortung hat stark zugenommen.

Was tun?

These

In jedem Moment meines Daseins entscheide ich mich mehr oder weniger bewusst für Irgendetwas. Ich entscheide mich für Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten, Autofahren, ... oder für sein Gegenteil. Die Qualität meiner Entscheidung ist umso höher, je übereinstimmender sie zu meinen Motiven steht. Handle ich stets so, dass die Ergebnisse meiner Entscheidungen mit meinem inneren Werteempfinden und meiner inneren Zielvorgabe übereinstimmen, dann handle ich richtig und gut und wirke nach außen authentisch und stark. Ich muss also zunächst wissen was ich will, damit ich weiß wohin ich gehe. Dann kann ich auch zügig voranschreiten. Zögere ich, die Grenzen des mir Vertrauten zu überschreiten, dann stagniere ich - eine persönliche Weiterentwicklung wäre nicht möglich.

Gegenthese

Selbst wenn ich weiß, was ich will, ist noch lange nicht gesagt, dass ich mich sogleich freudig und unverzagt auf den Weg mache. Zunächst stellen sich Bedenken ein, ob das, was ich will auch wirklich meines ist. Vielleicht erfülle ich unbewusst nur den Wunsch eines anderen. Ich habe auch gar nicht soviel Kraft, Energie und Power eine Idee bis zur letzten Konsequenz umzusetzen. Ich bin mir auch selbst noch lange nicht sicher genug, ob ich mir das überhaupt zutrauen kann. Jede Entscheidung gehört wohl überlegt. Alles was schnell entsteht, vergeht auch wieder schnell. In der Langsamkeit, in der Pause, in der entschleunigten Zeit liegt das Wesen des Werdens, der Entwicklung.

Synthese

Ein Ziel, eine Idee zeigt den Weg in die Zukunft. Der Zweifel, der Hader, die Sorge, die Angst sind Mahner aus der Vergangenheit wie auch die Überlegung, das Abwägen, das sinnvolle Abwarten und das Loslassen einer Idee. All diese inneren Anteile wirken aufgehoben in meiner unmittelbaren Wahrnehmung der Gegenwart. Nur im gegenwärtigen Bewusstsein lebe ich, bin ich. Ich fühle, denke, liebe, entscheide und handle im Hier und Jetzt. Möchte ich nicht für die Ziele anderer arbeiten so brauche ich eigene. Möchte ich meine Ziele errreichen, benötige ich Zuversicht und Vertrauen in meine mentalen Stärken und Gefühle. Durch den Prozess der Entwicklung, des Älterwerdens verändere ich mich ständig. Möchte ich diesem Prozess meine Richtung geben, so muss ich mir Ziele vorgeben. Doch die Erfahrung und das neu Erlernte benötigt Zeit um manifest zu werden. Ich benötige Auszeiten damit das Neue, das Ungewohnte sich auch innerlich festsetzen und so Teil meiner Persönlichkeit werden können. Das Gefühl der Freiheit, des Glücks, der inneren Zufriedenheit stellt sich erst im Loslassen der bewussten Zielvorgabe ein, wenn ich versöhnt bin mit meinen Trieben, Emotionen und Gedanken, wenn ich mich als Einheit in der Gleichwertigkeit meiner inneren Anteile fühle und erlebe. So wie ein schöner großer Baum tiefe und starke Wurzeln entwickelt, so wachse ich mit der Tiefe meines Wesens.

Ich erhoffe nichts
Ich befürchte nichts
Ich bin frei
(Nikos Katzanzakis)


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